2. Bericht - 5.11.21 - Unterwegs & Herberge

Es regnet. Unter dem großen Schirm fühlt es sich behaglich an. Ein letztes Mal gehe ich den schönen Weg durch die Kaffeeplantagen der Jesuiten runter nach Perumalmalai. Unterwegs kaufe ich eine große Plastikunterlage für die Übernachtungen. 

Auf der ruhigen Straße nach Palani ist mehr Verkehr als erwartet. Und es hupt oft. Dennoch funktioniert das Achtsam-Sein und mein Weg fühlt sich von innen her gut an.

Nach einer halben Stunde winken mir vier junge Motorradfahrer von der anderen Straßenseite zu. Sie haben unter einem tempelähnlichen Gebäude Unterschlupf vor dem Regen gefunden und laden ein, dort ebenfalls unterzustehen. Eine lustige Junggesellentruppe. Ihr Englisch ist einigermaßen gut und sie verstehen offenbar das meiste meiner Antworten auf ihre Fragen.

Als der Regen nachlässt, verabschieden wir uns. Einer, der am ältesten wirkt, strahlt eine väterliche Wärme aus. Ihn bitte ich, ob er mir die Hände zum Segnen auslegen wird. Das macht er mit einer selbstverständlichen Reife.

Der Regen hört auf und ich gehe weiter. Von vorne kommt eine andere Person entgegen. Ich stutze: Es ist eine Frau, etwas mein Alter, europäisches Aussehen, das ist Petra, meine Freundin! Aber das kann doch nicht sein. Doch, genau wie sie!! - Erst als die Frau schon sehr nahe ist, wird es klar, dass es nicht Petra ist.

Aber kennen tue ich die Frau trotzdem. Es ist Isha, die Ende März in der großen Meditationswoche im Bodhi Zendo dabei war. 

Ein froher Wortwechsel mit ihr. Sie muss lachen, da sie grade auf der gleichen Straße einen anderen Pilger wie mich aus Kerala getroffen habe. Wie?? Ich stutze. Ja, da ist ein junger Mann, der auch fast ohne Geld unterwegs sei und sich spirituell weiterentwicklen möchte. Er sitzt um die nächste Ecke am Straßenrand und ich solle ihn kennenlernen.

Sie lädt mich zum Tee ein (sie ist Teezeromienmeisterin), aber zeitlich passt das grade doch nicht. Also verabschieden wir uns.

Nach der nächsten Kurve sieht man tatsächlich einen jungen Mann auf einem großen Stein am Straßenrand sitzen. Ich frage ihn von Nahem, ob er aus Kerala sei. Er sagt Ja und ich setze mich neben ihn. Auf der anderen Seite ist das Osho-Meditationszentrum. Da wollte er eigentlich rein, aber es ist erst Freitag und das Haus ist erst ab Montag wieder offen.

Ich versuche ihn etwas über seine Pilgermotivation auszuquetschen. Aber da kommt nicht viel. Es scheint mir, dass es noch ein rechter Grünschnabel sei. Er hat im Internet einige Artikel gelesen, die ihn spirituell interessieren, er macht sogar einen Schwenk zu Ansichten Nikola Teslas. Da sein Gesicht beim Erzählens auch distanziert scheint, wird es für mich langweilig. 

Es beginnt wieder zu regnen. Ich spanne den großen Schirm über uns beiden aus. Wir sitzen ein paar Momente still. Ob ich dem Jungen doch noch irgendwie helfen kann? Da sehe ich, dass mein Gepäck schon nass wird und entscheide mich fürs Weitergehen. Ich wünsche ihm alles Gute.

Es regnet nun stärker. Nach einer halben Stunde kommt eine überdachte Bushaltestelle, unter der ich einziehe und eine Esspause mache. Da taucht der Junge wieder auf. Ich teile Obst und Schokolade mit ihm. Allmählich tut er mir Leid. Es scheint etwas nicht bei ihm in Ordnung zu sein. Außer einem ganz kleinen Rucksack hat er auch nichts dabei. Er heißt Adarsh. Da das Osho-Meditationszentrum geschlossen ist, weiß er gar nicht, wohin. Ich gebe ihm etwas Geld. Und - vielleicht ist das auch für eine gute Sache - ich frage ihn, ob er mir auch die Hände zum Segnen auflegen würde. Das macht er dann auch.

Am Ende ziehen wir zu zweit weiter. Für eine Weile gibt er das Tempo vor - danach tue ich das. Gegen halb fünf Uhr steht auf der anderen Seite ein "New-Jerusalem-Church"-Schild.

Wir gehen hinüber und ich klingle am ersten Haus. Niemand öffnet. Ein anderer Weg führt etwas näher zu Kirche hin. Vor dem Haus dort stehen und arbeiten ein paar Leute. Ein froh aussehender Mann beantwortet meine Frage nach einer Herberge mit ausgestrecktem Finger auf das dahinterliegende Haus.

Dort öffnet eine junge Frau. Ich erkläre ihr, dass wir zwei Pilger sind und für die Nacht einen Unterschlupf brauchen; wir hätten Liegematten und bräuchten nur eine trockene Schlafstelle.

Hinter der jungen Frau taucht eine ältere auf, vermutlich die Mutter. Ich wiederhole unser Anliegen. Sie guckt uns prüfend an - und lädt uns dann zu einer Tasse Tee ein. Wir könnten reinkommen und das mit dem Schlafplatz?

Etwas später kommt auch der Ehemann von seinem Spaziergang zurück. Er akzeptiert es, dass eine Frau uns reingelassen hat und ich ahne, dass das auch mit dem Übernachten möglich sein wird. Wasan ist Pastor bzw. Prediger einer weitaufgefächterten Pfingstgemeinde; Umar unterstützt ihn in Wort und Tat. Sie machen ihre Dienste ganz ehrenamtlich und vertrauen ganz auf die Vorsehung Gottes für das, was sie brauchen. - Es wird mir klar, dass die beiden - auch in Verantwortung für die Tochter - ein anderes, höher-existenzielles Risiko leben als ich auf meiner Pilgerreise.

Sie reden sehr offen über ihre Hingabe an Gott und über ihre Herausforderungen: Die jüngeren Gemeindemitglieder würden nicht mehr zu den Gottesdiensten kommen; Wasan hatte einen Schlaganfall, von derm er sich zwar recht gut, aber nicht bestens erholt hat. Und die Auswirkungen der Pandemie natürlich. Aber sie sind positiv. Umar versichert glaubwürdig, immer, wenn sie Geld für irgendetwas bräuchten, würden sie dem Herrn ihr Anliegen vortragen - und dann kommt von irgendwo Geld her.

Dann wenden sie sich Adarsh zu. In Kerala spricht man Malayalam, dass dem Tamil ähnlich ist. So erfahren sie einiges über seinen Hintergrund. Und es kommt heraus, dass Adarsh von zu Hause abgehauen ist. - Eine "ideale" Herausforderung besonders für die Pastorenfrau. Sie redet ihm ordentlich ins Gewissen.

 


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